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Eberswalde

Praxis für Logopädie

Katharina Herrklotsch

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zum Vorlesen
Volksmärchen aus der Ukraine

 


Die Ähre

 

Es lebten einmal zwei Mäuschen, Flitz und Husch geheißen, zusammen mit einem Hahn, Lautkehlchen genannt. Die Mäuschen flitzten und huschten hin und her, sangen und sprangen den lieben langen Tag herum. Der Hahn jedoch, welcher schon in aller Frühe wach wurde, weckte mit seinem Liede jedermann und machte sich dann an die Arbeit.

 

Eines Tages kehrte er den Hof und erblickte eine Weizenähre auf dem Boden. „Flitz, Husch“, rief der Hahn, „schaut her, was ich gefunden habe!“ Die Mäuschen kamen gelaufen und sprachen: „Die muss man dreschen.“ „Und wer wird das besorgen?“, fragte der Hahn. „Doch nicht etwa ich!“, rief eines der Mäuschen. „Doch nicht etwa ich!“, rief das andere.

 

„Nun gut“, sprach der Hahn, „dann werde ich sie eben dreschen.“ Und er machte sich an die Arbeit.  Währenddessen spielten die Mäuschen fröhlich weiter.

 

Als der Hahn mit dem Dreschen fertig war, rief er: „He, Flitz, he, Husch, schaut her, wieviel Körner ich gewonnen habe!“ Die Mäuschen kamen angelaufen und piepsten: „Die Körner müssen zur Mühle gebracht und gemahlen werden!“ „Und wer bringt sie hin?“, fragte der Hahn. „Doch nicht etwa ich!“, rief Flitz. „Doch nicht etwa ich!,“ rief Husch.

 

„Gut“, sprach der Hahn, „dann bringe ich sie eben zur Mühle.“ Er lud sich den Sack auf die Schulter und brachte die Körner zur Mühle. Währenddessen spielten die Mäuschen ein neues Spiel: Eines sprang über das andere hinweg; sie lachten und kreischten vor Freude.

 

Als der Hahn zurückgekehrt war, rief er die Mäuschen: „Flitz, komm her, Husch, komm her! Ich habe das Mehl gebracht!“ Die Mäuschen kamen gelaufen, schauten sich das Mehl an und lobten den Hahn. „Was für ein Prachtkerl unser Hahn doch ist! Nun muss man einen Teig kneten und Kuchen backen.“ „Und wer knetet den Teig?“, fragte der Hahn. Allein die Mäuschen sangen ihr altes Liedchen: „Doch nicht etwa ich!“, piepste Flitz. „Doch nicht etwa ich!“, piepste Husch.

 

Der Hahn dachte lange nach und sprach: „Dann muss eben ich es wieder tun.“ Er knetete den Teig, brachte Holz, fachte ein Feuer an, und als der Ofen gut geheizt war, schob er den Kuchen hinein. Die Mäuschen ließen sich die Zeit nicht lang werden: sie sangen fröhlich, tanzten und sprangen ausgelassen herum.

 

Als der Kuchen gebacken war, nahm ihn der Hahn aus dem Ofen und legte ihn auf den Tisch. Die Mäuschen erschienen augenblicklich, ohne dass man sie zu rufen brauchte.  „Ach, wie es mich hungert!“, piepste Flitz. „Ach, wie gern ich essen möchte!“, piepste Husch. Rasch setzten sie sich zu Tisch.

 

Der Hahn aber sprach: „Gemach, gemach, geduldet euch, meine Lieben. Vorerst antwortet mir: Wer hat die Ähre gefunden?“ „Du hast sie gefunden!“, riefen die Mäuschen laut. „Und wer hat die Ähre gedroschen?“, fragte wieder der Hahn. „Du hast sie gedroschen“, erwiderten die Mäuschen schon etwas leiser. „Und wer hat die Körner zur Mühle gebracht?“ „Gleichfalls du“, sagten Flitz und Husch nun ganz leise. „Und wer hat den Teig geknetet, ein Feuer angefacht und den Kuchen gebacken?“ „Du, du, du“, flüsterten die Mäuschen kaum hörbar. „Und was habt ihr getan?“ Was konnten die Mäuschen schon darauf antworten? Nichts.

 

Betrübt schlichen Flitz und Husch vom Tisch fort, und der Hahn hielt sie nicht zurück.

Wozu auch Müßiggänger mit solch gutem Kuchen bewirten?

 

 

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