Sprachhaus

Eberswalde

Praxis für Logopädie

Katharina Herrklotsch

ADVENTSKALENDER

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zum Vorlesen
Volksmärchen aus der Ukraine

 


Das Schilfrohrmädchen

 

Es lebte einst in einem Dorf ein Waisenkind namens Iwanko. Eine alte Hütte und ein kleiner Acker, das war alles, was ihm seine Eltern hinterlassen hatten.

In demselben Dorf lebte ein reicher Gutsherr namens Stulmorda. Die Leute mieden ihn wie die Pest weil niemand mit ihm etwas zu tun haben wollte. Einmal blieb der Reiche vor Iwankos Hütte stehen und sprach: „He, wer bist du?“ – „Ich bin Iwanko.”

„Wozu brauchst du die Hütte und noch den Acker?” – „In der Hütte wohne ich, und vom Acker ernähre ich mich. Das ist selbst einem Narren klar.“

 

Der Herr überlegte und sprach: „Du kannst mein Kutscher werden. Den Acker nehme ich dir weg. Auf ihn will ich Bienenkörbe stellen.”

„Lieber Herr“m, bat Iwanko, „habt Ihr denn sonst keine Fluren mehr? Ihr begeht eine schwere Sünde!“ „Sünde hin, Sünde her. Willst du nicht Kutscher werden, dann scher dich weg aus dem Dorf“, poltere der Gutsherr.

 

Iwanko buk sich Kartoffelpuffer, legte einige Äpfel in seinen Beutel und zog fort. Am Ufer des Prut erblickte er einen Kranich. Er trat näher heran, doch der Vogel lief nicht weg. Er berührte ihn und sah, dass ein Flügel gebrochen war.

Der Kranich sprach: „Hilf mir, Jüngling. Ich sitze hier schon fünf Tage lang. Ich bin hungrig, und meine Wunden schmerzen.“ Iwanko wusch die Wunde aus, zerriss sein Hemd und

verband sie. Darauf fing er im Prut ein Fischlein und fütterte den Vogel. Er wollte ihm noch ein Nest herrichten, doch als er das Schilf berührte, vernahm er eine Stimme: „Brich mich nicht ab, Jüngling, denn vielleicht kommt noch derjenige, auf den ich warte.“

„Wer bist du?”, fragte Iwanko.  „Ich bin das Schilfrohrmädchen.”

„Auf wen wartest du?” „Auf meinen Erlöser“, sagte die Stimme. „Lass dich doch sehen!”, bat Iwanko. Die Stimme erwiderte: „Ich habe mich schon zweimal sehen lassen. Und was geschah? Beide Jünglinge sind fortgegangen, und bis heute ist keiner zurückgekehrt. Ich darf mich nur noch einmal zeigen.“ – „Erscheine mir zum letzten Mal. Glaube mir, ich werde dich nicht betrügen“, versicherte Iwanko. „Gut. Schau hinauf zum Wipfel des Schilfrohrs.“

 

Plötzlich stand ein wunderschönes Mädchen vor Iwanko. Es war so hübsch wie die erste Frühlingsblume, doch sehr traurig. „Warum bist du so betrübt?“, wollte Iwanko wissen. „Die böse Hexe hat mich von meinem Vater fortgeschleppt. Sie will, dass ich ihren Sohn, den Riesen, heirate. Ich mag ihn aber nicht. Da bin ich fortgelaufen und habe mich hier im Schilf versteckt. Aber die Hexe hat mich gefunden und in ein Schilfrohr verzaubert. Um mich zu erlösen, muss man in den Besitz meines Ringes gelangen und ihn auf den Wipfel stecken“, sagte das Mädchen und verschwand sodann.

 

Unser Iwanko fand an der Schönen großes Wohlgefallen. Er beschloss, ihr zu helfen.

Er ging zum Kranich zurück und sprach: „Nun müssen wir uns wohl trennen.”

„Wohin willst du?“, fragte der Kranich.  „Ich will auf die Suche gehen, doch darüber darf ich nicht sprechen“, antwortete Iwanko und der Kranich sagte: „Möge dir das Glück hold sein.“

 

Iwanko streifte durch Fluren und Wälder. Schließlich erblickte er am Rande des Weges eine Hütte und trat ein.In der Diele waren drei Kater an Pfeilern angebunden.Iwanko streichelte sie und gab jedem ein Stück Fisch. „Miau, miau, miau…” erwiderten sie.

Aus der Stube drang eine Stimme: „Wer quält euch da?“ – „Niemand quält uns. Ein Junge hat uns Fisch gegeben.“

Das rief die Stimme: „Nur herein, mein Jüngling!“ In der Stube sah Iwanko nichts, weil es stockfinster war. Er schlug Feuer und leuchtete. Auf der Ofenbank lag eine steinalte Frau.

„Es ist gut, dass du nicht an meiner Hütte vorbeigegangen bist, ich habe nämlich schlimme Seitenstiche. Ich habe niemanden, der mir Wasser holt.“

„Wasser? Ich hol gleich welches, Großmutter“, sagte Iwanko. Die Frau antwortete: „Allein schaffst du es nicht, denn du wirst dich verirren. Binde einen Kater los, und er wird dir mit seinen Augen den Weg beleuchten.“

 

Iwanko ging in die Diele hinaus und fragte: „Wer von euch geht mit mir Wasser holen?“

„Jeder wird einmal mitgehen”, sagte der älteste Kater.

Sie zogen los. Unterwegs erkundigte sich Iwanko: „Sag mal, Katerchen, warum seid ihr angebunden?“ – „Das darf ich nicht sagen, denn die Alte verwünscht mich sonst.“

 

Wieder zurück kochte Iwanko einen Maisbrei und gab der Alten und den Katern zu essen.

Er übernachtete und wollte sich dann auf den Weg machen. Doch die Alte ließ ihn nicht fort:

„Bleib noch ein bißchen, bis meine Kreuzschmerzen vergehen.“

 

Am andern Tag ging Iwanko mit dem zweiten Kater Wasser holen. „Sag mir, Katerchen, warum seid ihr angebunden?“ – „Das darf ich nicht sagen. Ich habe Angst vor der Alten…“

 

Am dritten Tag ging Iwanko mit dem dritten Kater Wasser holen. Er gab ihm zu trinken,

streichelte ihn und gab ihm ein Stückchen Fisch: „Sag mir, Katerchen, warum seid ihr angebunden?“ – „Das darf ich nicht verraten, aber dir sag ich es. Die Alte ist die oberste Hexe. Nachts kommen alle bösen Geister zu ihr geflogen, und sie beratschlagen, wie den Menschen möglichst viel Schaden zuzufügen sei. Heute haben sie wieder eine Zusammenkunft. Aber

damit du nichts hörst, wird dir die Alte die Ohren mit Wachs zustopfen. Doch ich werde dir nachher alles erzählen.“

„Sag mir noch, Katerchen, haben sie nie über ein Mädchen gesprochen, das zu einem Schilfrohr geworden ist?“, fragte Iwanko.

„Jawohl. Die Alte hat sogar gesagt, dass sich schon zwei Jünglinge bei ihr den Ring holen wollten. Aber sie hat die Jungen in zwei Steinblöcke verwandelt. Sie liegen jetzt vor der Hütte. Wenn die Sonne scheint, setzt sich die Alte darauf und wärmt sich.“

„Was muss man tun, um ihnen das Leben zurückzugeben?“, fragte Iwanko.

„Dazu muss man die Steinblöcke mit dem Wasser aus dem See besprengen, aus dem noch

niemand getrunken hat.“

 

Iwanko bereitete das Abendbrot zu, gab der Alten und den Katern zu essen und legte sich schlafen. Die Alte sprach: „Iwanko, heute nacht wird es furchtbar donnern. Ich will dir die

Ohren mit Wachs zustopfen, damit du nicht taub wirst.“

 

Um Mitternacht kamen allerlei Hexen, Gespenster und Teufel herbeigeflogen. Die Hütte war zum Bersten voll. Iwanko holte aus einem Ohr das Wachs heraus und vernahm die Hexe: „Mir ist zu Gehör gekommen, dass ein dritter Jüngling das Schilfrohrmädchen befreien will. Doch er soll sein blaues Wunder erleben. Ich habe den Ring im Eisenberg versteckt.“

 

In der Frühe weckte die Hexe den Jüngling und fragte: „Hast du etwas gehört, Iwanko?” –

„Gar nichts, Großmutter, ich habe wie ein Murmeltier geschlafen.“

Der Bursche machte sich sodann auf den Weg.

 

„Ich komm mit“, sprach der dritte Kater. „Wir täuschen die Alte. Fang eine Katze und binde sie anstatt meiner an. Die Hexe ist alt und sieht schlecht, sie wird es nicht so schnell bemerken.“

Iwanko tat, wie ihn geheißen.

 

Ob sie nun lange oder erst kurz unterwegs waren, sie standen schließlich auf weiter Flur. Plötzlich dröhnte und donnerte es in der Luft. Der Kater sprach: „Die Alte holt uns ein. Sie hat sicherlich schon den Betrug bemerkt. Doch ich bin trotzdem schlauer…”

Er hob ein Erdloch aus und sagte: „Schlüpf hinein.“ Iwanko kroch in das Erdloch und versteckte sich dort mit dem Kater. Die Hexe flog vorbei und verschwand aus ihrer Sicht.

 

Iwanko und der Kater krochen aus dem Loch heraus. Sie wanderten den ganzen Tag, und den nächsten, und auch den dritten, und gelangten endlich an eine Höhle.

Das Katerchen sagte: „Hier wohnt ein Zauberer, der auf die Hexe sehr böse ist. Klopf bei ihm an, ich geh unterdessen Mäuse fangen.“

 

Der Zauberer war alt und matt wie eine Fliege im Herbst. Er lag auf seinem Bett und atmete kaum noch. Als er Iwanko gewahrte, sprach er:

„Gut, daß du gekommen bist, Jüngling. Hol Wasser, denn ich kann nicht mehr aufstehen.“

Iwanko brachte Wasser, kochte das Mittagsmahl und gab dem Alten zu essen. Worauf ihm der Zauberer erzählte: „Als ich noch jung war, hatten alle Hexen große Achtung vor mir. Nun aber, da ich alt geworden bin, haben sie mein Zauberbuch verbrannt und mich in diese Höhle geworfen. Ich bin dem Tode geweiht. Doch ich will dir, Jüngling, ein großes Geheimnis

anvertrauen. Willst du den Eisenberg finden? Dann hör zu: Nahe meiner Höhle, an deren Südseite, sind Zauberschuhe vergraben. Grabe sie aus und nimm sie mit. Wenn du am Meer anlangst, so wirf sie ins Wasser, und sie verwandeln sich in ein Boot, das dich zum Eisenberg bringt. Dort gibt es einen kleinen See, aus dem noch niemand getrunken hat …“

Mehr konnte der Zauberer nicht sagen. Er schloß die Augen und starb.

 

Iwanko bestattete den Zauberer, dann grub er die Zauberschuhe aus und ging mit dem Kater von dannen. Über ein Weilchen erreichten sie das blaue Meer. Iwanko warf die Schuhe in die Wellen, und aus dem Wasser tauchte ein Boot empor. Sie stiegen ein und schwammen davon. Sie waren den ganzen Tag unterwegs, ehe sie zu einer Insel gelangten. Sobald sie das Ufer

betreten hatten, verwandelte sich das Boot wieder in Schuhe.

 

Die Insel war mit einem dichten Wald bestanden. Die riesigen Bäume ragten bis in den Himmel empor. Das Katerchen kletterte auf den höchsten Baum, hielt nach allen Seiten Ausschau und rief: „Iwanko, der Eisenberg ist ganz nahe.“

 

Sie liefen in die vom Kater gewiesene Richtung. Vor dem Berg verbargen sie sich im Dickicht und spähten nach dem Eingang. Sie schwiegen, und auch der Berg stand stumm da. Plötzlich fing der Berg an zu knarren und öffnete sich. Zwanzig junge Mädchen mit Körbchen in den Händen kamen heraus.

„Guten Tag, liebe Mädchen“, grüßte sie Iwanko. „Wohin geht ihr?“

Sie antworteten: „Beeren sammeln. Wer bist du?“ – „Ich bin zu euch zu Besuch gekommen.“

„Wir empfangen keinen Besuch, das ist verboten. Wenn dich unser Herr, der Riese, sieht, so wird dir die Lust vergehen, Besuche abzustatten“, warnten die Mädchen.

„Wer seid ihr denn?“, fragte Iwanko. „Die Gefangenen des Riesen.”

„Warum lässt er euch dann allein Beeren pflücken?“, wollte Iwanko nun wissen.

„Weil man von dieser Insel nicht fliehen kann. Es gibt nur ein einziges Boot, das die hiesigen Wellen tragen“ verrieten ihm die Mädchen.

„Und wo ist dieses Boot?“, fragte Iwanko?  – „Bei einem Zauberer, der irgendwo in einer Höhle sein Leben beschließt. Nichts ist geschwinder als jenes Boot.”

 

Iwanko sammelte mit den Mädchen Beeren und erzählte ihnen, wie schön es sich dort lebt, wo viele Leute sind und wo es ein solch wildes Dickicht gar nicht gibt. Darauf fragte er: „Wisst ihr nicht, wo der Riese den goldenen Ring versteckt hat?“ Die Mädchen antworteten: „In einem goldenen Kästchen. Und der Schlüssel von dem Kästchen steckt in seinem linken Ohr. Selbst wenn du in den Besitz des Rings gelangst, wirst du sterben müssen. Der Riese tötet dich, sobald er erwacht. Er ist stärker als dieser Berg!“

„Und was muss ich tun, um den Ring zu kriegen?“, fragte Iwanko.

„Zuerst musst du das Schlüsselchen aus dem linken Ohr des Riesen herausholen und dann dessen Lebensbuch verbrennen, das auf dem Tisch liegt.“

 

 

Die Mädchen hatten schon volle Körbchen. Als sie heimgingen, öffnete sich der Berg. Von den Mädchen umringt, gelangte der Junge in das Innere des Berges.

Der Riese schlief in einem gewaltigen Saal. Er schnarchte so fürchterlich, dass der ganze Berg zitterte.

Iwanko schlich sich an den Riesen heran und zog ihm das goldene Schlüsselchen aus dem

linken Ohr heraus. Danach nahm er den Feuerstein aus der Tasche, schlug Feuer und zündete das Lebensbuch des Riesen an, das auf dem Tisch lag.

 

Im großen Saal stieg ein Qualm auf, der schwarz war wie die Nacht. Der Riese begann zusammenzuschrumpfen, dann verschwanden seine Beine, danach der Körper, die Arme und der Hals. Ein Stück des Buches, das nur schwelte, fiel zu Boden und erlosch. Und da standen die Augen des Riesen auf und irrten im Saal umher.

 

Iwanko trat aus einer dunklen Ecke hervor, ging auf das goldene Kästchen zu, öffnete es und holte den Ring heraus. Die Augen des Riesen schwebten die ganze Zeit über ihm, doch Iwanko kannte keine Furcht. Er öffnete die Tür und rief: „Liebe Mädchen! Bringt mir einen Krug, damit ich aus dem See, aus dem noch niemand getrunken hat, Wasser schöpfen kann.“

„Hier hast du einen Krug”, sprachen die Mädchen.

 

Das Katerchen führte den Jüngling zum See. Sie schöpften Wasser. Und da sprach der Kater:

„Du musst fliehen, ehe die Hexe die Nachricht vom Tode ihres Sohnes erfährt. Sie wird noch so manches Unheil anrichten.“

 

Sie traten vor das gruselige eiserne Tor. „Iwanko, poche dreimal mit dem goldenen Schlüsselchen dagegen“, sagte der Kater. Iwanko klopfte, und das Tor öffnete sich. Iwanko, der Kater und die Mädchen liefen zum Meer hinunter. Die Augen des Riesen folgten ihnen.

Iwanko warf die Zauberschuhe in die Wellen. Und wieder tauchte das Boot aus dem Wasser empor. Sie alle stiegen ein und stachen in See. Iwanko drehte sich um. Am Ufer glänzten die Augen des Riesen. Aus ihnen kullerten faustgroße Tränen und fielen ins Meer.

 

Als das andere Ufer erreicht war, liefen die Mädchen auf die grüne Flur hinaus. Der Jüngling steckte sich die Zauberschuhe ins Hemd und sprach: „Nun könnt ihr Schönen nach Hause gehen, wir aber, der Kater und ich, haben einen anderen Weg.“ Die Mädchen dankten dem Burschen und trennten sich von ihm.

 

Iwanko begab sich zum Hexenhaus. Er besprengte die beiden Steinblöcke mit dem Wasser aus dem See, aus dem noch niemand getrunken hat. Die beiden Jünglinge erwachten wie aus einem tiefen Schlaf. „Wir müssen wohl lange geschlafen haben”, sprachen sie.

„Oh, und ihr hättet den Sonnenaufgang und die ganze Welt verschlafen, wenn ich euch nicht mit dem Wasser aus diesem Krug erweckt hätte“, erklärte Iwanko. „Geht nach Hause, Jungen. Die Hexe ist nun machtlos.“

 

Die Burschen brachen auf. Iwanko jedoch ging mit dem Katerchen zum Schilfufer. Dort steckte er den Ring auf den Wipfel eines Schilfrohrs.

Der schlanke Stengel begann sich zu biegen, und an seiner Statt stand plötzlich ein Mädchen da, das so hübsch war wie die erste Frühlingsblume. Iwanko sprach: „Ich werde keinen einzigen Tag ohne dich leben können. Werde meine Frau!“

Das Mädchen reichte ihm den Goldring, und sie brachen zu ihrer Mutter und zu ihrem Vater auf. Diese waren redliche Huzulen, die sich nach ihrer einzigen Tochter schon die Augen ausgeweint hatten.

 

Und ganz bestimmt wurde dann Hochzeit gefeiert. Das Katerchen aber, das lebte vergnügt bei dem Paar, spann goldene Fäden und erzählte Märchen.

 

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